Drei Jahre lang habe ich auf geschlossenen Demenzbereichen gearbeitet, und damit bin ich in der Pflege gestartet. Dieser Beitrag ist ein tiefer Einblick in das, was ich dort gesehen habe, wie ich damit umgehe und was es aus mir gemacht hat.
Wie ich zur Demenz gekommen bin
Angefangen hat es mit einer Woche Einarbeitung auf einem normalen Wohnbereich. Dort lebten Bewohner, die teilweise noch vieles selbst konnten, und ein paar, die kaum noch mobil waren. Ganz selbstständig ist im Pflegeheim für mich übrigens niemand, denn sonst würde die Person zuhause leben. Ich hatte fünf Tage Praxisanleitung, intensiv, aber nicht viel, wenn man bedenkt, dass ich vorher nie in der Pflege war. Im Vergleich zu dem, was ich heute von anderen höre, war es trotzdem viel. Am Ende kommt es immer darauf an, wie man seinen Job macht und mit welcher Hingabe.
Nach der Woche wurde ich gefragt, ob ich auf den geschlossenen Demenzbereich möchte. Mir wurde ein bisschen was erklärt, und ich habe ja gesagt, weil ich es sehr interessant fand.
Die Frage, die alles verändert hat
Ich habe mich schon immer gefragt, wie Menschen denken, und ich habe versucht, ihre Gedankengänge nachzuvollziehen. Oft ist mir das gelungen. Auf dem Demenzbereich, wo die Bewohner die unterschiedlichsten Diagnosen hatten, ging das nicht mehr. Dort habe ich verstanden, dass ich mich etwas anderes fragen muss. Nicht: Was denkt die Person gerade, und warum macht sie das? Sondern: Was kann diese Person gerade nicht mehr? Was kann sie gerade nicht umsetzen?
Das hilft mir bis heute, auch im Privaten.
Ein erfundenes Beispiel, damit es greifbar wird: Eine Bewohnerin steht abends an der Tür und sagt, sie muss jetzt nach Hause, die Kinder warten. Ich muss mich dann nicht fragen, warum sie „so unvernünftig“ ist. Sie kann gerade nicht mehr einordnen, wo sie ist und welche Zeit wir haben. Wenn ich das verstehe, wird meine Antwort ruhiger und freundlicher.
Ein Symptom ist kein Charakter
Demente Bewohner können sehr schwer sein und auch aggressiv. Das ist die Krankheit und sind die Symptome, die daraus entstehen. Diese Menschen machen nichts mit Absicht, und es ist nicht ihr Charakter. Man darf es deshalb nicht persönlich nehmen, auch wenn das viele tun. Ich habe das oft gesehen, und für mich ist es nicht nachvollziehbar.
Diese Menschen sind wie wir alle, nur mit Einschränkungen. Sie brauchen unsere Hilfe in allen Lagen, in traurigen, in netten und auch in aggressiven.
Sie spüren, wie wir gestimmt sind
Fast alle Menschen mit Demenz, die ich begleitet habe, haben unsere Stimmung sehr gut wahrgenommen. Sie verstehen einen Menschen, nur auf eine andere Art und Weise. Das ist schwer zu erklären, wenn man es noch nicht erlebt hat. Ich habe gesehen, dass sie zu Mitarbeitern, die es gut mit ihnen meinen und Verständnis zeigen, ganz anders sind als zu denen, bei denen sie das nicht spüren. Das ist meine Beobachtung aus dem Alltag und keine wissenschaftliche Aussage.
Validieren statt korrigieren
Was mir wehtut, ist, wenn Mitarbeiter korrigieren, statt zu validieren. Dann schlage ich mir innerlich die Hände über dem Kopf zusammen. Das geht in diesem Berufsfeld nicht.
Wieder ein erfundenes Beispiel: Eine Bewohnerin fragt nach ihrer Mutter, die lange tot ist. Wer korrigiert („Die ist doch schon lange gestorben“), löst bei ihr die Trauer jedes Mal neu aus. Wer validiert, sagt zum Beispiel: „Du vermisst deine Mutter. Erzähl mir von ihr.“ Die Person fühlt sich gesehen, und die Situation beruhigt sich. Auch die Patientenversion der S3 Leitlinie Demenzen beschreibt Validation als wertschätzende Kommunikation, die Menschen mit Demenz in ihren Gefühlen und ihrer Wahrnehmung ernst nimmt. Als Beispiel nennt sie, nicht zu korrigieren, sondern einfühlsam auf die erlebte Realität einzugehen [1, S. 44].
Ich möchte niemanden schlechtmachen. Aber wer nicht weiß, wie es geht, und Interesse hat, auf so einem Bereich zu arbeiten, sollte geschult werden.
Reflektieren: Hätte ich es besser machen können?
In den drei Jahren gab es sehr viele Momente, in denen ich mich gefragt habe, ob ich anders hätte handeln können. Nicht, weil ich schlecht gehandelt hätte, sondern weil ich wissen wollte, was ich noch besser machen kann. Diese Erfahrung mit demenziell veränderten Bewohnern hat mich im positiven Sinne sehr geprägt.
Warum es für mich mehr ist als Arbeit
Ich arbeite sehr gern mit diesen Menschen. Eigentlich ist es für mich keine Arbeit, sondern Hingabe. Manche würden sagen, wie ein Hobby, und so sehe ich das auch. Mein Job ist mein Hobby geworden, und ich beschäftige mich mit meinem Berufsfeld wie mit sonst nichts, weil mich alles daran fasziniert. Das ist ein tiefer Einblick in mein Leben, aber genau das macht meinen Blog und meinen Podcast aus: ehrliche Sichtweisen und offene Worte.
Das nehme ich mit
- Ich frage mich: Was kann die Person gerade nicht mehr?
- Verhalten ist ein Symptom und kein Charakter.
- Ich nehme es nicht persönlich.
- Ich validiere, statt zu korrigieren.
- Ich reflektiere, was ich besser machen kann.
Häufig gestellte Fragen
Muss ich einem Menschen mit Demenz immer recht geben?
Nein. Es geht darum, das Gefühl ernst zu nehmen und nicht zu streiten. Wo Sicherheit betroffen ist, handelt man trotzdem so, dass niemand zu Schaden kommt.
Warum wird ein Mensch mit Demenz aggressiv?
Eine einzelne Ursache gibt es nicht. Oft stecken Angst, Schmerz, Überforderung oder ein unerfülltes Bedürfnis dahinter. Bei plötzlichen Veränderungen sollte das Team ärztlich abklären lassen, ob eine körperliche Ursache vorliegt.
Quellenverzeichnis
- [1] Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde & Deutsche Gesellschaft für Neurologie. (2026). Leitlinie Demenz: Für Patient*innen und Angehörige (1. Auflage, April 2026; AWMF-Register-Nr. 038-013). https://register.awmf.org/assets/guidelines/038-013p1_S3_Demenzen_2026-04.pdf (abgerufen am 14.10.2026)
Zur Einordnung der Quelle: Ich habe die Patientenversion der S3 Leitlinie Demenzen (Version 6.0 der Leitlinie vom 24.02.2026) nur an der zitierten Stelle gelesen, nicht vollständig. Eine Gültigkeitsangabe („gültig bis“) steht darin nicht. In dem von mir geprüften Auszug der Langfassung habe ich keine eigene Stelle zu Validation gefunden. Die Erklärungen zu Demenzformen, herausforderndem Verhalten und geschlossenem Bereich sind allgemeines Fachwissen und meine Einordnung, nicht einzeln belegt.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt meine persönlichen Erfahrungen wieder und dient der Information und Bildung. Er ersetzt keine individuelle medizinische oder pflegerische Beratung. Die Beispiele sind erfunden, es kommen keine Bewohnerdaten vor.
Wie siehst du das? Schreib mir gerne eine Mail an vollmer.steffen@icloud.com mit dem Betreff Pflegelaborblog, oder schick mir deine Gedanken und Erfahrungen. Bitte ohne Namen und Angaben zu Bewohnern.